Der Prozeß von Frankz Kafka – Von der Schuld des Menschseins

Was heißt es Mensch zu sein? Welche sind die Strukturen die dem Menschen in seinem Dasein zugrunde liegen? Können wir in dem was uns in unserem Leben widerfährt Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen finden? Franz Kafkas Roman gehört in die Reihe von Büchern die sich mit diesen Themen befassen und Fragen an die Existenz des Lesers selber richten. Kafka konstruiert einen Zugriff auf das innere Wesens des Lesers der sich mit Freude, Ekel, Scham, Hoffnung und Verzweiflung in die Handlung des Buches rein ziehen lässt und zum Schluss selbst die eigentliche Hauptrolle spielt. Der Dialog zwischen Roman und Leser bewirkt eine einzigartige Metamorphose: Verschiedene Menschen mögen zwar das gleiche Buch lesen, durch die verschiedenen Lebensgeschichten und Erfahrungen der Leser unterscheidet sich aber die Entdeckung die sie durch das Buch machen. Um einer Analyse von Kafkas Roman Der Prozeß gerecht zu werden muss deshalb, aus hermeneutischen oder phänomenologischen Gründen, an dieser Stelle etwas ausgeholt werden und ein Hintergrund zur eigenen Lesung dieses Buches präsentiert werden. Zwei Romane die den Leser vor ähnliche existentielle Fragen wie Der Prozeß stellen, sind Der Fremde und Der Fall von Albert Camus welche um die dreißig Jahre nach Kafkas Buch veröffentlicht wurden. Was diese zwei Werke, und wie ich zeigen werde auch Kafkas Roman, zu verbinden scheint ist die Frage nach einer grundlegenden Schuld oder Unschuld des Menschen und die Beziehung zu seinem Sein. In Der Fremde begegnet uns eine Gestalt die keine wirkliche Auffassung eines eigenen Seins hat und daher auch keine wirklichen Präferenzen, Träume oder Gefühle. Es ist ihm unmöglich seinen Taten irgendeinen Wert zu geben und es sind nur andere Menschen die über ihn urteilen können. Es ist auch das Urteil der anderen das ihn am Ende zwingt ein eigenes Sein anzuerkennen und es ist in diesem Augenblick das er sich zum ersten Mal für seine Taten verantwortlich sehen muss. Der Fall stellt ein umgekehrtes Szenario da wo die Hauptperson durch die ständige Analyse des eigenen Seins sich mit immer mehr Schuld belastet und daraufhin den eigenen Verfall hervorruft. Die Fragen welche die zwei Werke von Camus behandeln, welche in die Lesung von Kafkas Buch mit einspielen, lassen uns über das Entstehen der Schuld nachdenken, ob der Mensch in seiner natürlichen Begebenheit schuldig oder unschuldig ist und welche Rolle das eigene Sein in diesem Zusammenhang spielt. Das Konzept der Schuld zeigt sich bei Kafka deutlicher als bei Camus und im Grunde genommen ist jede Person die Kafka uns zeigt in irgendeiner Weise schuldig. Anzufangen ist mit der Hauptperson, Josef K., der sich zwar gesetzlich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen hat, aber doch eines Tages in seiner Wohnung verhaftet wird und durch die Erzählung hindurch einem Prozess unterliegt. Dieses Verfahren und deren Organisation ähneln doch keinem Rechtsfall im üblichen Sinne. Das Gericht scheint keinerlei Verbindungen zu den üblichen Institutionen zu haben und es wird niemals auch nur angedeutet aus welchem Grund Josef K. angeklagt wird. Selbst im Gespräch mit Personen die dem Gericht nahe stehen wird dieser Hintergrund niemals deutlich. Es handelt sich hier um eine andere Schuld als die der Justiz die Kafka uns nahe bringen will. Bemerkenswert ist auch das Josef K. selber schnell von der Neugierde für den Hintergrund seiner Schuld abweicht und fortan nur versucht mit seinem Verfahren fertig zu werden, überzeugt das er unschuldig ist. Es scheint allein die Bürde des schuldig sein zu sein die Ihn zum handeln zwingt und der Versuch dem zu entfliehen. Unter anderem werden Josef K. einige Möglichkeiten zum Entzug des Verfahrens angeboten, zwielichtige Angebote durch Bestechung, eine ständig fortwährende Untersuchungsphase die Josef K. ein ständig wiederholtes Gegenüberstellen mit der Schuld abverlangen würde oder eine Freilassung die aber zu gegebener Zeit wieder zurückgenommen wird. Josef K. sucht doch keinen solchen Ausweg Er ist von seiner Unschuld überzeugt und will freigesprochen werden ohne eine Spur von Schuld zu hinterlassen. Dieser Glaube an seine Unschuld nimmt doch im Gang der Erzählung ab und endet mit dem Tode von Josef K. Ob dieser seine Schuld eingestanden hat oder einsah das er sich der Schuld die ihm aufgelegt wurde nicht entziehen kann wird nicht klar. Deutlich wird aber das Josef. K auch wenn er noch so sehr gegen seine Schuld kämpft diese nicht abwerfen kann, bis in den Tod von ihr begleitet wird und dieses Schicksal akzeptiert.

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Wieso ist grade Josef K. schuldig? Dieser scheint uns in keinerlei Hinsicht eine schlechte Person zu sein und seine moralischen Schwächen würden wir ihm zu jeder Zeit verzeihen. Es gibt hier ganz andere Personen in der Erzählung die uns wirklich zur Abneigung zwinge. Die Frau des Gerichtshelfers welche sich Josef K. anbietet und sich auch nicht gegen die wiederholte Verschleppung durch einen Studenten und dem Richter wehrt ist eine dieser Personen, genauso wie das Mädchen Leni die sich durch ihren unsittlichen Umgang mit Männern und der damit verbundene Betrug gegenüber Josef K., sowie ihrer unmenschlichen Art gegenüber dem Herren Block, als schuldig erweist. Bestechliche Diener und Angestellte des Gerichtes, sogar Richter, sowie Hab- und Machtgier sind Eigenschaften die sich wiederholen. Und doch bleibt es Josef K. der angeklagt ist und als schuldig angesehen wird. Gewiss, Josef K. zeigt uns nicht nur seine guten Seiten. Sein manchmal hemmungsloser Umgang mit Frauen, sein etwas voreingenommenes Richten, sowie sein Vermögen List und Lüge anzuwenden, kommen ihm alle zu Lasten. Was doch der wirkliche Unterschied zwischen den oft verwerflichen Gestalten und Josef K. ist, ist dass dieser über seine Schuld nachdenkt.  Hier spielt auch der Blick der anderen ein die ihn mit Schuld beladen. Dieses wird deutlich als Josef K. ohne Erlaubnis in das Zimmer von Frau Bürstner eintritt und sich dafür schämt weil er nicht sicher ist ob er beobachtet wurde. Dadurch das er eingesteht das er für schuldig gehalten wird ist es als ob er sich mit dieser Schuld identifiziert und mehr und mehr wird sein handeln von dieser Schuld beeinträchtigt. Der Bruch mit dem Vertrauen an seine Unschuld geschieht, ironischer Weise, im Gespräch mit einem Geistigen im Dom. Für Josef K. und den Leser bestätigt dieses Gespräch das es sich hier wirklich nicht um ein gesetzliches Verfahren der üblichen Art handelt sondern dass es einen existentiellen Charakter hat. Das dies grade in einem Dom geschieht ist eine natürliche Referenz zu der Christlichen Doktrin der angeborenen und ewigen Schuld des Menschen. De Satz des Geistigen im Dom: „das Urteil kommt nicht mit einmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über“, fasst die Essenz dieses Buches wunderbar zusammen. Weil Josef K., ein Mensch ist kann dieser von anderen mit Schuld belastet werden, gleichzeitig kann dieser aber auch selbst Schuld in seine Handlungen injizieren. Das Aneignen und das Erkennen dieser Schuld, das Verfahren des Schuldempfindens und des Versuches ihr zu entkommen ist was in Kafkas Roman im Mittelpunkt steht und hierdurch beschreibt er eine zentrale Eigenschaft des Menschlichen Lebens, eine Situation die bis zum Tod, und für Josef K. sogar noch weiterreicht.

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